Stell Dir vor, Du als Projektleiter gibst zwei Requirements-Ingenieuren die Aufgabe, Anforderungen an ein neues System zu erstellen. Und Du stellst Dir die Frage: Warum zwei Requirements-Ingenieure zu unterschiedlichen Anforderungen kommen? Lies weiter, um mehr darüber zu erfahren.

Warum zwei Requirements-Ingenieure zu unterschiedlichen Anforderungen kommen

Ein Anforderungsprodukt, z.B. eine Anforderungsspezifikation beschreibt, was ein System oder zu entwickelndes Produkt tun soll. Hierbei handelt es sich um eine Beschreibung des Soll-Zustandes und nicht um das fertige System oder Produkt.

Die Landkarte ist nicht die Landschaft

Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, bei der Anforderungsspezifikation handelt es sich um eine Beschreibung des echten Systems, der Realität. Es hat ein Transformationsprozess stattgefunden von der Realität in die Beschreibung.

Manchmal sagt man auch, die Landkarte ist nicht die Landschaft. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, die Landschaft = Realität darzustellen, z.B.:

  • Globus
  • Topografische Karten
  • Thematische Karten
  • Und noch viele andere Karten

Und damit sollte auch klar sein, dass es kein 1:1 Abbild der Realität geben kann. Und daraus folgt, dass zwei Requirements-Ingenieure zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Um zu verstehen, warum das so ist und wie wir aus der Sicht eines Projektleiters damit umgehen können, möchte ich Euch die Theorie dahinter vorstellen.

Den Transformationsprozess verstehen

Das Ziel einer Anforderungsdokumentation sollte sein, die Anforderungen so zusammenzustellen, dass sie unabhängig vom Ersteller (und vom Umsetzer) verständlich sind. Dieses Zusammenstellen der Anforderungen wird als Transformationsprozess bezeichnet. Hierbei wird die zu beschreibende Realität, z.B. ein von den Stakeholdern gewünschtes System – unser Kaffeevollautomat -in ein zu beschreibendes System, z.B. eine Anforderungsspezifikation transformiert. Durch diesen Transformationsprozess entstehen Lücken zwischen den beiden Enden, der Realität auf der linken Seite und dem sprachlichen Ausdruck auf der rechten Seite, siehe Abbildung 1.

Warum zwei Requirements-Ingenieure zu unterschiedlichen Anforderungen kommen

Abbildung 1: Transformationsprozess

Wichtig zu verstehen ist, dass die Transformationsprozesse zu Informationsverlusten und Informationsverfälschungen führen kann. Für den Requirements-Engineer ist dieses Verständnis hilfreich, weil es verschiedene Möglichkeiten gibt, damit umzugehen.

Diese Transformation findet in zwei Schritten statt. Der erste Schritt ist die Wahrnehmungstransformation.

Erster Schritt: Die Wahrnehmungstransformation

Die Art und Weise, wie Menschen die Wirklichkeit wahrnehmen, ist unterschiedlich.

Wahrnehmungstransformationen treten auf, weil jeder Mensch die Realität anders wahrnimmt und sich ein individuelles Bild davon macht.

Das liegt zum Beispiel daran, dass manche Menschen Ihre Umwelt bevorzugt mit den Augen, also visuell wahrnehmen, andere wiederum mit den Ohren, also auditiv und wieder andere müssen Dinge begreifen, also kinästhetisch.

Einfaches Beispiel: Nehmt Euch einige Sekunden Zeit und stellt Euch einen Kaffeevollautomaten vor. Stellt Euch einige Fragen dazu:

  • Wie sieht er aus?
  • Welche Farbe hat er?
  • Wie groß ist er?
  • Wo steht er?
  • Welche Geräusche macht er?
  • Wie fühlt er sich an?

Und vielleicht sieht Euer Kaffeevollautomat anders aus als der, den ich mir vorgestellt habe.

Um hier Missverständnissen vorzubeugen, könnte der Requirements-Engineer mehrere Stakeholder zum gleichen Sachverhalt befragen, um die Nachteile der Wahrnehmungstransformationen auszugleichen.

Zweiter Schritt: Darstellungstransformation

Als Requirements Engineer ist es unsere Aufgabe, die Anforderungen an ein zu beschreibendes System zu dokumentieren. Dieser Vorgang wird als Darstellungstransformation bezeichnet. Darstellungstransformationen treten auf, weil eine Wandlung erfolgt, sobald ein Mensch sein Wissen (dieses Bild) in Sprache ausdrückt.

Um Darstellungstransformationen aufzulösen, kann der Requirements-Engineer die Anforderungen in einer strukturierten Weise, den Satzschablonen dokumentieren. Diese Satzschablonen stelle ich Euch im nächsten Newsletter vor.

Zusammenfassung

Bei der Erstellung einer Anforderungsspezifikation wird das zu entwickelnde System oder Produkt, in die Realität transformiert. Bei diesem Transformationsprozess treten psychologische Effekte auf, die zu Lücken führen können. Der Transformationsprozess findet in zwei Schritten statt. Die Möglichkeiten, die Lücken auszugleichen sind bei beiden Schritten unterschiedlich, deshalb ist es hilfreich, beide Schritte zu verstehen.

Zertifizierung als Certified Professional for Requirements Engineering CPRE

Informationen und Voraussetzungen zur Zertifizierungsprüfung findest Du auf der Seite des IREB hier.

Viele erfolgreiche Projekte wünscht

Projektstart GmbH

Gerhard Wirnsberger

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